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POLITIK
08. Mai 2010, 11:59 Uhr
Top-Werber enttäuscht von den Wahlkampagnen PDF Drucken E-Mail

Düsseldorf. Zu wenig unterscheidbar, zu ideenlos, keine Abgrenzung - sieben Top-Werbeprofis aus Agenturen in Nordrhein-Westfalen haben sich auf Bitten des Wirtschaftsmagazins NRW.jetzt angesehen, mit welchen Mitteln die Parteien an Rhein und Weser um Wähler geworben haben. Die Ergebnisse sind ernüchternd.


Philipp Randt, Geschäftsführer overlook media Werbeagentur, Bielefeld:


Glaubwürdigkeit und Mobilisierung. Im Idealfall vermittelt eine Partei Ersteres und erreicht Letzteres. Die Kampagnen zur Landtagswahl 2010 bemühen sich sehr und genau da liegt das Problem: Keine eindeutige Position, kein einprägsamer Stil, der sich durchzieht und die (Produkt-) Aussagen unterstützt. Die Zielgruppe alle Menschen ist eben unerreichbar. Mut zur Polarisierung – man kann nicht jedem gefallen und muss es auch nicht. Die Menschen brauchen das Gefühl, sich richtig entschieden und etwas bewirkt zu haben. Eine Reihe austauschbarer Kandidaten und Statements macht es allerdings schwer, sich überhaupt für etwas entscheiden zu können, oder zu wollen. Einzig positive Tendenz zeigen aktuell die Grünen und treten leicht aus der handwerklich allenfalls soliden Masse der Wahlkommunikation hervor.


Christian Hupertz, CEO Grey Worldwide GmbH, Düsseldorf:


Grundsätzlich kann man feststellen, dass nur zwei Parteien schnell zuzuordnen sind: FDP und die Grüne wegen ihrer eindeutigen Farbkodierung. Das fällt z.B. bei der CDU teils deutlich schwerer. Das im schwarz-weissen Fotostil gestaltete Plakat mit Jürgen Rüttgers wirkt auf den ersten und zweiten Blick als käme es von der SPD. Da die Inhalte auch eher allgemeines Wahlgeplänkel darstellen, muss man schon genau hinschauen, wer eigentlich der Absender ist. Die reinen Textplakate von SPD und CDU erinnern an „Schweinebauch“-Flyer von Discount-Märkten. Aber vielleicht hilft das ja!? Prof. Pinkwart von der FDP macht als Person den besten Eindruck, heißt kompetent und volksnah. Beim Slogan hat er aber leider daneben gegriffen. Der klingt nach einem Schwellenland, welches endlich auch mal bei den Grossen mitspielen will.


Marcel Imhof, Inhaber, die agentur imhof, Aachen:


Die aktuellen Wahlkampagnen der Parteien in NRW vor der Landtagswahl sind im wahrsten Sinne des Wortes grau-enhaft. Auch wenn nun "FAIR" plötzlich in Pink geschrieben wird, wie auf den Plakaten der SPD zu sehen. Eine Farbe macht noch keinen Sommer und schon gar nicht Inhalt. Einfach emotionslos, nicht ansprechend, unspannend, uninteressant, unsexy, austauschbar in Optik und Content. Wo bleiben die spannenden Themen? Wer ist Herausforderer? Wo erkennt man hier die Handschrift einer bestimmten Partei?? Stattdessen werden immer wieder die gleichen platten, flachen Phrasen geschwungen wie in den Jahren davor. Es fehlt an Glaubwürdigkeit, an der ordentlichen Abgrenzung zur Konkurrenz – gerade auch in Bezug auf die Inhalte. Da fällt es schwer, jemanden hervor zu heben.


Carl-Philipp Mauve, Managing Director, Ogilvy & Mather GmbH, Düsseldorf:


Immer noch werden in der politischen Werbung in Deutschland die Regeln aus  der Markenwerbung ignoriert. Wo ist der klare, durch-gängige Leitgedanke? Wenn die CDU auf Rüttgers als amtierenden Ministerpräsidenten setzen will, dann sollte sie es konsequent tun. So wie 1981 als Francois Mitterrand unter dem Motto „La Force Tranquille“ an- und auftrat und die Wahl für sich entschied. Oder Obama mit „Yes, we can.“ Die SPD glaubt mit emotionalen Schlagwörtern Emotionen auszulösen. Das ist Denke der 80er. Hinzukommen handwerkliche Fehler: Zu viel Text auf Plakaten. Fehlende Einheitlichkeit in der visuellen Umsetzung über die verschiedenen Kommunikationskanäle hinweg. Positiv fällt da die Einbindung von Social Media Plattformen wie flickr, Youtube, Facebook, etc auf. Das gilt für fast alle Parteien.


Andreas Trautmann, CEO BBDO, Düsseldorf:


Leider bleiben die Kampagneninhalte auch in diesem Wahlkampf etwas generisch und austauschbar. Die gestalterische Freiheit scheint dafür selbst innerhalb einzelner Parteien grenzenlos: An der Spitze der Beliebigkeit stiftet die SPD mit den Farben Grün, Pink, Blau und Orange sowie diversen Layoutvariationen eher Verwirrung als Orientierung. Die FDP – farblich etwas besser zu dekodieren – bietet ansonsten auch wenig formalen oder inhaltlichen Zusammenhalt. Die CDU entkommt der gestalterischen Unauffälligkeit soeben mit starker und gut inszenierter Persönlichkeit. Trennscharfe politische Statements sind leider bei allen sehr rar. So wirkt auch der Versuch der Grünen, möglichst durch Humor aus dem Raster zu fallen, eher etwas unbeholfen. Die Linke? Die habe ich bisher gar nicht wahrgenommen.


Ralf Zilligen, Chairman bei Arthur Schlovsky, Eine Marke der MEC GmbH:

Bei den Großparteien habe ich als Wähler endlich mal das Gefühl, zwei Alternativen zu besitzen. Erstens die staatsmännisch-joviale, repräsentiert durch den Ministerpräsidenten, der auf die Leistungen seiner ersten Amtszeit verweisen kann und Kontinuität und Erfahrung in der Sache anbietet. Zweitens die menschlich-sympathische Herausforderin, die ihre Vorstellungen von einem NRW mit menschlicherem Gesicht in Schlagwörtern zusammenfasst und damit Erneuerung in die Waagschale wirft. Bei den kleinen Parteien dagegen: Im Westen nichts Neues. Die Roten Parolen, die Gelben unhaltbaren Versprechen und die Grünen Wortspiele aus der Mottenkiste. Dabei hätten gerade die Kleinen die Chance nutzen können, mit einem wirklich modernen Wahlkampf auch ein neuartiges Verständnis von Gesellschaft zu formulieren.


Philipp Keller, Geschäftsführer Kreation, Zum goldenen Hirschen Köln GmbH:


Die Themenplakate der beiden großen Parteien wirken viel zu austauschbar. Es wird um Stimmen gekämpft, ohne dass eine eigene Stimme erkennbar wäre. Die CDU sediert das Wahlvolk mit netten Rüttgers-Passfotos, die SPD wirkt trotz Erfindung des Farbdruckers blass und Kraft-los und die FDP redet realitätsverweigernd vom Aufsteigerland NRW. Offenbar glauben die Liberalen, dass man nur genügend heiße Luft in Sprechblasen füllen muss, und schon hebt ganz NRW ab. Die Piratenpartei hatte bei der Durchsicht ihrer Wahlplakate gleich zwei Augenklappen auf und die Linke wiederholt schlecht gelaunt die bekannten Klassenkampfparolen.
Einzig die Grünen überzeugen. Kreativ, sachorientiert, unterhaltsam. Das bleibt im Gedächtnis und wirkt differenzierend.