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Trotz allem Lust auf Zukunft Die Stahlindustrie produziert auf kleiner Flamme. Rund um den Globus werden Aufträge storniert. Die Wirtschaftskrise hat auch Deutschlands größtes Stahl- und Technologieunternehmen fest im Griff. Und doch blickt man nach vorn und treibt den Umzug der Konzernzentrale von Düsseldorf nach Essen voran. von Stefan Kleefisch

Der erste symbolische Spatenstich fand am 12. Juni 2007 statt. Die Grundsteinlegung folgte am 5. September 2008 im Beisein der beiden Ehrenvorsitzenden im Aufsichtsrat der ThyssenKrupp AG, Berthold Beitz und Günter Vogelsang. „Unser Ziel muss es sein, Lust auf Zukunft zu machen“, sagte Ekkehard Schulz damals. Und der Vorsitzende des Vorstandes fügte hinzu: „Mit der Konzentration unserer Verwaltungsstandorte auf die beiden Städte Essen und Duisburg unterstreichen wir unser Vertrauen in die Stärken des Standorts Nordrhein-Westfalen.“ ThyssenKrupp lässt bis 2011 alle Führungsebenen der AG und insgesamt 2.500 Mitarbeiter auf die Fläche im Essener Westviertel zwischen der Innenstadt und dem westlich davon gelegenen Stadtteil Altendorf umziehen. Der von der Wirtschaftskrise hart getroffene Konzern rechnet in der Folge mit 500 Millionen Euro Einsparungen. Das Baugelände ist nahezu deckungsgleich mit dem historischen Kern der 1811 gegründeten „Gussstahlfabrik Fried. Krupp“. Die Hauptverwaltung aus dem markanten Düsseldorfer Drei-Scheiben- Haus, Einheiten aus Bochum, Düsseldorf und Essen werden dort zusammengeführt. Einzige Ausnahme bildet die Duisburger Stahlzentrale, die vor Ort bleiben darf. Die Dimensionen des Krupp-Gürtels beeindrucken: Mit gut 230 Hektar, der Fläche von 27 Fußballfeldern, ist das Areal fast dreimal so groß wie die Essener City. Herzstück ist das ThyssenKrupp Quartier mit seiner markanten Zentrale. Westlich davon sollen der Krupp-Park für gutes Stadtklima und der Berthold-Beitz-Boulevard für eine optimale Erschließung sorgen. Insgesamt handelt es sich um eine Investition von einer Milliarde Euro. „Die Stadt Essen wird substantiell profitieren, und dabei rede ich gar nicht mal von der Gewerbesteuer“, freut sich Thomas Sandmann von der Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft (EWG). Das Projekt sei wichtig fürs Renommee der Ruhr-Metropole. Und natürlich sind auch die erwarteten 2000 neuen Arbeitsplätze willkommen in der strukturschwachen Stadt. Ein deutlicher Indikator: Inzwischen ist feststellbar, dass die Immobilienpreise in Essen wieder steigen. Wohnungsmarkt und Einzelhandel, Wachschutz-Firmen und PR-Agenturen, Taxi-Unternehmen und Steuerberater – sie alle, ist sich Sandmann sicher, werden die durch ThyssenKrupp bewirkte positive Entwicklung zu spüren bekommen. Und Essen, immerhin die Kulturhauptstadt 2010, braucht Hilfe. In der mit 580.000 Einwohnern achtgrößten Stadt Deutschlands leben laut „Schuldneratlas 2008“ prozentual betrachtet die meisten überschuldeten Bürger im Revier. Die Entscheidung des Konzerns stammt aus dem Jahr 2006, also lange vor der Weltwirtschaftskrise. Für den Konzern ergeben sich durch den Umzug enorme Synergieeffekte. Als offizieller Firmensitz waren ohnehin Duisburg und Essen eingetragen. Auch eine Angelegenheit, die ihr Wurzeln in der Historie des traditionsreichen Unternehmens findet. „Wir kehren zurück in die Heimat und zu unseren Wurzeln. Und von hier aus ziehen wir hinaus in die Welt“, sagt Konzernsprecher Alexander Wilke im Gespräch mit NRW. jetzt. Und Wirtschaftsförderer Sandmann pflichtet bei: „Im nationalen, regionalen und weltweiten Prozess sind Größe und Wachstum entscheidend. Wer Synergie- Potentiale nicht nutzt, wird vom Markt gefegt.“ Doch die Welt ist in diesen Tagen auch bei ThyssenKrupp nicht heil. Die globale Entwicklung ist überdeutlich spürbar. Das erste Quartal hat deutliche Spuren hinterlassen. Der Umsatz lag um sechs Prozent unter Vorjahreswert. Deutlich stärker war der Gewinnrückgang. Das Konzernergebnis vor Steuern verminderte sich von 646 Millionen Euro auf 240 Millionen Euro. Und nun droht auch Ungemach von Arbeitnehmerseite. Ende März beschloss der Aufsichtsrat einen radikalen Konzernumbau. Statt wie bisher in fünf Segmente soll der Konzern künftig nur noch in zwei Bereiche gegliedert sein. „Materials“ (Stahl, Edelstahl, Services) und „Technologies“ (Aufzüge, Anlagenbau und Werften). Bei der IG Metall befürchtet man jetzt, es könne trotz gegenteiliger Beteuerungen von Konzernchef Schulz betriebsbedingte Kündigungen geben. Der Vorstand des montanbestimmten Unternehmens wurde nun beauftragt, dem Aufsichtsrat bis zum 13. Mai ein Gesamtkonzept zum Konzernumbau vorzulegen. „Wir brauchen ein klares Signal. Es gibt genug Instrumente, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, etwa Arbeitszeitverkürzung oder Kurzarbeit. Ein Restrukturierungsprozess gegen die Beschäftigen wird nicht erfolgreich sein. Es kann nichts gegen uns sondern nur mit uns passieren“, warnt IG Metall-Sprecher Dr. Marc Schlette die Arbeitgeberseite. Gleichzeitig verbreitet er Zuversicht: „Rohstahl ist ein zukunftsfähiger Werkstoff, ThyssenKrupp hat sehr viel Substanz und wird die Krise meistern.“ Doch eine Analyse der nackten Zahlen gibt Anlass zu Besorgnis. In der Stahlkrise Anfang der 90er Jahre hatte der Rückgang der Rohstahl-Produktion zehn Prozent betragen. Damals – zwischen 1991 und 1996 – reduzierten die beiden Vorgängerunternehmen von ThyssenKrupp die Zahl ihrer Mitarbeiter von 94.000 auf 60.000. Ein Abbau von 30 Prozent. In den vergangenen drei Monaten hat sich die Rohstahlproduktion in Deutschland monatlich jeweils um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr reduziert. Es wird ein Rückgang der Jahresproduktion auf das Niveau Anfang der 80er Jahre erwartet. Das zeigt die Dimension der Krise. Und doch sucht der Konzernlenker den Konsens: „Wenn wir in dieser Situation ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen wollen, dann unterstreicht das unsere soziale Verantwortung. Eine Garantie für den Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen und Standortschließungen kann und werde ich aber nicht geben. Das gebietet die Redlichkeit eines verantwortungsbewussten Unternehmers.“ |