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Startseite Wirtschaft Die Entzauberung eines Nobelpreisträgers
Die Entzauberung eines Nobelpreisträgers PDF Drucken E-Mail

Geld anlegen in der Krise

2008 war – gemessen am amerikanischen Aktienindex S&P 500 – das zweitschlechteste Börsenjahr seit 1886. Die Finanzkrise wirkte sich auf alle Börsen des Globus gleichermaßen aus: Aktien wie Rohstoffe und Immobilien stürzten weltweit mehr oder weniger steil ab. Und wie schon 1929, so sorgte auch dieses Mal das Platzen spekulativer Blasen auf den Immobilien- und Finanzmärkten für eine Konjunkturkrise selten erlebten Ausmaßes.
von Dr. Martin Stockhausen Stier & Bär

Die historisch verbürgte erste Spekulationsblase mit ähnlichen Auswirkungen auf die Wirtschaftslage war die berühmte Tulpenzwiebelkrise im 17. Jahrhundert: Hier wurde in den Niederlanden mit Tulpenzwiebeln (!) spekuliert, die schließlich den vergleichbaren Preis eines heutigen Hauses kosteten. Die nächsten Jahrhunderte brachten immer wieder Krisen historischen Ausmaßes hervor, die letztlich Folge von Gier und Herdentrieb waren: Gustave le Bon hat dazu treffend bemerkt, in der Masse akkumuliere sich nicht Mutterwitz, sondern Dummheit.

Wie konnte es, trotz der enormen Fortschritte der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften, wieder so weit kommen? Lassen sich neue Exzesse vermeiden ? Und: Was kann der Anleger heute tun?

1952 veröffentlichte der 25-jährige Doktorand und spätere Nobelpreisträger Harry Markowitz einen kleinen, zunächst kaum beachteten Aufsatz mit dem Titel „Portfolio Selection“. Er begründete darin mit einfachen mathematischen Mitteln, warum ein Kapitalanleger nicht alle Eier in einen Korb legen sollte. Seine Erkenntnis: Kauft man außer einer vermeintlich „konservativen“ Einzelanlage (z.B. einer Versorgeraktie) noch einen „riskanteren“ Wert (z.B. einen Autohersteller), so kann man mehr Geld verdienen als mit der konservativen Aktie allein. Dies erscheint banal. Erstaunlich aber ist, dass das Gesamt-Risiko des Depots unter dasjenige des konservativen Papiers allein sinken kann! Voraussetzung dafür ist, dass die beiden Aktienkurse sich nicht stets in die gleiche Richtung bewegen. Deswei-teren wird unterstellt, dass die Kurse mit großer Wahrscheinlichkeit wenig schwanken; mithin sollten Börsencrashs und -euphorien relativ unwahrscheinlich sein. Und – last but not least – geht die darauf aufgebaute Theorie vom Menschenbild des „homo oeconomicus“ aus. Die Fachwelt, die diesen Ansatz in der Breite übernahm, war folglich fortan bestrebt, dem „rationalen Investor“ die „Diversifikation“ seiner Gelder in „gering korrelierende“ „Assets“ zu empfehlen. Deren erwartete Renditen wären als „normal verteilt“ einzuschätzen.

Anleger wie Berater waren sich sicher, dass bei „gut gestreuten“ Vermögen „nichts anbrennen“ werde, da ja Verluste einer Vermögensklasse in aller Regel durch entsprechende Erträge anderer Depotteile ausgeglichen würden – wenn nicht sofort, so doch „mittel- bis langfristig“.

Alle Beteiligten haben übersehen, dass Harry Markowitz und seine Apologeten sich in einem Modell bewegen. Ein Modell aber ist bekanntlich nur ein verkleinertes Abbild der Realität, vergleichbar einer Landkarte. Man sollte ein Modell tunlichst nicht mit der Realität selbst verwechseln. Stellen sich die Annahmen als unrealistisch heraus, sind es die Ergebnisse ebenfalls. Angenommen, die Renditen der Kapitalmärkte (verstanden als Preisbewegung-en zuzüglich Ausschüttungen) würden sich im Zeitverlauf tatsächlich in Form der Gaußschen Glockenkurve bewegen, wäre die Finanzkrise mit den stärksten Börseneinbrüchen seit 1931 in der Tat ausgeschlossen.

Offensichtlich gab es aber in den wenigen Jahren seit 1987 bereits mehrere handfeste Börsenkrisen. Hinzu kommt, dass der Mensch keineswegs rational agiert. Vielmehr hat die Behavioral Finance, ein Wissenschaftszweig, der simultan Erkenntnisse der Ökonomie und der Psychologie nutzbar machen will, dies zweifelsfrei widerlegt. Gier und Angst treiben die Mehrheit des Publikums; Phänomene, wie beispielsweise ausgeprägter Herdentrieb, führen zu irrationalem Überschwang – oder dem genauen Gegenteil. Der Schutz durch gute Streuung des Vermögens versagt mithin genau dann, wenn er wirken soll.

Leider sind wir nicht in der Lage, den Anfang einer Krise oder Ansteckungserscheinungen zu prognostizieren. Der amerikanische Wissenschaftler Taleb weist darauf hin, dass wir umso weniger die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses abschätzen könnten, je seltener es auftrete. Wohl aber könnten und sollten wir die Auswirkungen einer Krise auf unser Vermögen abschätzen lernen.

Was folgt daraus für den krisengebeutelten Anleger? Es mag überraschend klingen, aber auch künftig ist sinnvolle Streuung eines Vermögens unverzichtbar. Allerdings reicht dies nicht aus. Vielmehr gehört angesichts der desaströsen Erfahrungen der vergangenen Monate und Jahrhunderte unbedingt ein striktes Risikomanagement zu jeder Strategie. Anleger und Vermögensverwalter haben die Risikotoleranz des Investors herauszufinden. Der Anleger – und nur dieser – hat zu entscheiden, welche Beträge keinesfalls bei der nächsten Krise gefährdet werden dürfen. Der Vermögensverwalter sollte seinem Kunden hierbei als Sparringspartner dienen.
Er hat im wohlverstandenen Interesse seines Gegenübers zu beraten, und nur dafür sollte er auch entsprechend honoriert werden.

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