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Unser Mann in Brüssel

Ein Portrait von Klaus Kelle

Wenn sich Hans H. Stein, Direktor der NRW-Landesvertretung bei der EU, etwas wünschen dürfte, dann wäre es etwas mehr Europabegeisterung in der deutschen Heimat. „Man darf den schwarzen Peter nicht immer nach Brüssel schieben“, macht er seinem Unmut über die üblichen Stereotypen angesichts der angeblich übertriebenen EU-Bürokratie Luft. Und er sagt: „Ich wünschte mir, dass die Politik in Deutschland die europäischen Debatten viel früher aufgreift.“ Und dann kann er Beispiel auf Beispiel nennen, wo Unternehmen, Land und Kommunen von der so ungeliebten Europäischen Union massiv profitiert haben. Aber, so sagt Hans Stein, wenn ein Bürgermeister Unterstützung aus Europa für ein Projekt erhalte, werde halt zu Hause gern mal verschwiegen, dass die EU auch beteiligt ist.

Würden sich die Bürger nur mit den Fakten beschäftigen, da ist der 43-jährige Volkswirt sicher, dann würden sie auch den großen Nutzen Europas für ihr Leben erkennen. So wie damals, als der Orkan Kyrill für schwere Verwüstungen in den Wäldern Südwestfalens sorgte. Der damalige NRW-Europaminister Michael Breuer reiste nach Brüssel und pochte darauf, dass nicht nur die Waldbrände in Griechenland, sondern auch ein Orkan in Nordrhein-Westfalen eine Naturkatastrophe ist. Die EU stellte daraufhin aus ihrem Solidaritätsfonds 97 Millionen Euro zur Verfügung.
Hans H. Stein ist Europäer durch und durch. Vor seiner aktuellen Aufgabe war er Bundesgeschäftsführer der ASU – Die Familienunternehmer. Und schon damals übernahm er auch das Amt des Generalsekretärs des europäischen Familienunternehmer-Verbandes. Heute, als der Direktor der NRW-Vertretung, ist es seine wichtigste Aufgabe, zusammen mit seinen 30 Mitarbeitern die Landesregierung frühzeitig über alle wichtigen Entwicklungen auf EU-Ebene zu informieren. Etwa 80 Prozent aller Gesetze in Deutschland haben dort inzwischen ihren Ursprung, sei es bei Energiepolitik, Landwirtschaft, Umwelt- oder Verbraucherschutz.
Aber interessiert die hohen EU-Kommissare auch umgekehrt, was ein deutsches Bundesland zur Politik der mächtigen Staatengemeinschaft zu sagen hat? Hans H. Stein lehnt sich in seinem Sessel zurück: „Wir werden hier ernst genommen, daran gibt es keinen Zweifel.“ Die Lage Nordrhein-Westfalens, seine Größe und Wirtschaftskraft seien Grund genug, darauf zu hören, was aus Düsseldorf formuliert wird.

Die NRW-Vertretung ist, genau genommen, ein Lobbyisten-Büro. Hier werden Informationen gesammelt und eigene Informationen verbreitet. Dazu dient der direkte enge Kontakt mit den 20 Europaparlamentariern aus dem Bundesland, dazu dienen Hintergrundgespräche, Informationsveranstaltungen und der regelmäßige informelle Austausch mit den anderen deutschen Bundesländern, besonders Baden-Württemberg und Bayern. Und dann sind die Büros an der Rue Montoyer in Brüssel auch Anlaufstelle für Verbände und Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen, die hier Rat oder Insider suchen, die bei der EU Türen öffnen können. Schließlich bemüht man sich auch intensiv um Kultur und die Pflege heimatlicher Gefühle. Alle Räume auf den 1.800 Quadratmetern sind nach Künstlern benannt, Heinrich Heine, Heinrich Böll, Annette von Droste-Hülshoff und andere. Hier finden Lesungen und Konzerte statt, hier werden Vorträge gehalten. Europaabgeordnete aus SPD und FDP haben einen regelmäßigen Ruhrgebiets-Stammtisch und einen Münsterland-Kreis organisiert. Und zur Weiberfastnachts-Party im vergangenen Jahr erschienen 800 Gäste, fast alle kostümiert.

Die Wirtschaftskrise hat die Agenda in Brüssel verändert. Ging es früher vorrangig um Klimawandel und Verbraucherschutz, so stehen heute die Kontrolle der internationalen Finanzmärkte oder der Wunsch nach Beihilfen im Vordergrund.

Und die EU leistet gute Arbeit, ist Direktor Stein sicher. Europa, das ist für ihn nicht in erster Linie die vielzitierte „Gurken-Krümmungs-Verordnung“, die übrigens maßgeblich auf Betreiben Deutschlands erlassen wurde. Wenn dann aber auch noch dieselben Leute, die einst im Rat verhindert haben, dass die Verordnung wieder abgeschafft wird, heute auf Wahlveranstaltungen in Deutschland die „Gurken-Krümmungs-Verordnung“ als Beispiel für die ausufernde EU-Bürokratie geißeln, dann ist Herr Stein wirklich sprachlos.

Hans H. Stein