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Lernen und Leben
Jeder Schüler, jede Schülerin muss optimal, und das heißt individuell gefördert werden. Im Gegenzug müssen alle Schülerinnen und Schüler ihre bestmögliche persönliche Leistung einbringen. Aber – um das ganz klar an den Anfang zu stellen: Niemand darf erwarten, dass am Ende der Schulzeit alle die gleichen Ergebnisse erbringen können. von Ute Schäfer, SPD-Bildungspolitikerin
Alle Weichenstellungen für die Schule der Zukunft sollten diesen Überlegungen folgen. Unser gegenwärtiges vielfach gegliedertes Schulsystem stützt sich – außer auf Gruppeninteressen – auf ein fest sitzendes Missverständnis: Die unvermeidliche Unterschiedlichkeit des Schulerfolgs rechtfertigt keine unterschiedliche Chancenverteilung. Denn diese führt nachweislich zu Bildungsbarrieren und hemmt damit die individuell beste Entwicklung. So haben uns Wissenschaftler ins Stammbuch geschrieben, dass ein Kind aus einer Facharztfamilie eine mehrfach größere Chance hat, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen als ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie – wohlgemerkt bei gleicher Kompetenz der Kinder.
Das ist alarmierend und hat nichts mit bester individueller Förderung, Motivation und positiver Leistungsorientierung zu tun. Die Aufteilung auf unterschiedliche Schulformen im Alter von zehn – demnächst neun Jahren – widerspricht dem Ziel bestmöglicher Förderung aller – was die Eltern längst gemerkt haben und deshalb mit massenhafter „Flucht“ aus den Hauptschulen reagieren. Zu beobachten ist auch, dass bereits in den Grundschulen ein ungesunder Leistungsdruck entsteht. Noch nie hat der Nachhilfemarkt bei den Kleinsten so geboomt. Viele Eltern haben zudem Sorge, dass ihre Kinder mit dem Abitur nach zwölf Schuljahren überfordert sind. Ein Bildungssystem, in dem Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit großgeschrieben werden, muss auf die unterschiedlichen Entwicklungszyklen bei Kindern und Jugendlichen abgestimmt sein. Nicht jedes Kind kann mit fünf Jahren erfolgreich in der Grundschule starten, und nicht jeder Jugendliche schafft das Abitur nach zwölf Schuljahren. Sowohl der Eintritt in die Grundschule als auch die Dauer für das Abitur müssen flexibel gestaltet werden. Deshalb plädiere ich nach der Grundschule für ein Bildungssystem, das folgende Kriterien erfüllt:
Die Kinder lernen länger gemeinsam weiter – mindestens zwei weitere Jahre. Es gibt kein beschämendes Abschulen mehr. Kinder und Jugendliche können ihre eigenen Stärken ausprägen und ihnen stehen – je nach Kompetenz – in fächerübergreifendem Lernen alle Leistungsstufen offen. Meine Schule der Zukunft ist eine Ganztagsschule, in der gelernt und gelebt wird. Das Kollegium arbeitet in Jahrgangsteams und setzt auf zeitgemäße erzieherische Konzepte und neue Unterrichtsformen. Das Entdecken, das Erforschen, das Ausprobieren und das Analysieren sorgen für eine motivierende Lernatmosphäre.
So stelle ich mir – in aller Kürze - eine Gemeinschaftsschule bis zur 10. Klasse vor. Auf dem Weg zum Mittleren Bildungsabschluss werden ab der siebten oder achten Klasse Weichenstellungen für die spätere Bildungsbiografie vorgenommen. Wohin entwickelt sich der junge Mensch? Schafft er oder sie das Abitur nach zwölf oder eher nach 13 Jahren? Ist der Weg in die berufliche Bildung der bessere? Qualifizierte Beratung und Unterstützung sind dabei notwendig und es muss sichergestellt sein, dass jeder Abschluss die Chance für eine Weiterqualifikation bietet. Nach der 10. Klasse führt der Weg also entweder zum Abitur nach zwölf oder 13 Jahren oder in die berufliche Bildung. Die Gemeinschaftsschule ermöglicht damit alle Bildungsgänge – unter einem Dach. Die Veränderung der Struktur allein wird allerdings nicht ausreichen, um eine andere Schulkultur ohne Barrieren zu erreichen. Dazu gehören eine besondere Qualifizierung und Motivierung aller in der Schule arbeitenden Menschen und auch die entsprechenden Rahmenbedingungen in den Lerngruppen und Klassen – sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht. Dass dieses – auch politisch - keine Utopie ist, zeigt die Entwicklung im Bildungswesen anderer Länder – nicht nur anderer Staaten, sondern etwa auch von Schleswig-Holstein. |