| Eine ungewöhnliche Perspektive |
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Den Samba hätte ich gern gesehen
Stimmengewirr, Musik und klatschende Hände – der Beginn eines Musical-Abends aus einer anderen Perspektive. Für NRW.jetzt besuchte ich eine Vorstellung im Kölner Musical Dome. "Spamalot", ein farbenprächtiges, witziges Spektakel ist angekündigt, und meine Vorfreude ist groß. Das Ungewöhnliche dabei? Ich bin seit meiner Geburt blind.
von Rose Jokic
Um mich herum ist es dunkel, hier und da nehme ich einen Lichtblitz wahr. Der Gesang und die wirklich witzige Ankündigung des Abends durch einen Moderator stimmen meine Sinne auf das Erlebnis ein.
Langsam aber deutlich wird das Publikum um mich herum ruhiger. Offenbar geht es bald los. „Ist der Vorhang schon auf?“, will ich von meiner Begleiterin wissen, doch bevor sie antworten kann, höre ich bereits die Stimme eines Ausrufers, der das Publikum ermahnt, die Handys abzuschalten. Es seien schließlich „schwerbewaffnete Ritter auf der Bühne“ und man könne nicht vorhersehen, was sie anstellen, „falls sie durch unbekannte, unheimliche Geräusche in Rage geraten“.
Finnische Folklore ertönt. Die Bühne wird von Tanz erfüllt. Dazu stelle ich mir bunt gekleidete Menschen vor. Als dann Hufgetrappel zu hören ist, stürmt in meiner Phantasie ein echtes Pferd auf die Bühne. Doch, wie gesagt, es ist nur meine Phantasie, denn wie ich erfahre, klappert des Königs Diener „Patsy“ unermüdlich mit zwei Kokosnusshälften.
Es erscheint König Artus. Ich kann ihn natürlich nicht sehen, aber ich bin sicher, dass er ein Schwert in der Hand führt. Ich höre eine infantile Stimme, und vor meinen Augen erscheint eine kleine, in mittelalterliches Gewand gehüllte, Witzfigur. Geräusche der auf Pferden und mit Schwertern bewaffneten reisenden Ritter erfüllen die Bühne und lassen mich instinktiv spüren, dass sich die Bühnenkulisse offenbar immer wieder ändert. Die von König Artus bereisten Länder werden genannt und Landschaftsbilder tauchen vor meinem inneren Auge auf.
Schnell werde ich zurück in die Gegenwart geholt. Ich höre einen Sprecher mit türkischem Akzent, offenbar eine Art Macho-Typ. Auch ein wüst schimpfender Franzose. Witzig, und es holt mich für einen kurzen Moment zurück ins 21. Jahrhundert. Und es folgt noch ein echter akustischer Höhepunkt. Als dem schimpfenden Franzosen die Worte ausgehen, und er extrem laut ins Mikrofon furzt, befürchte ich für einen Moment, dies könnte die Technik überfordern.
SPAMALOT Die Handlung des Musicals "Spamalot" ist "liebevoll geklaut" - so der O-Ton der britischen Komikertruppe Monty Python - vom Filmklassiker "Die Ritter der Kokosnuss". König Artus ist auf der Suche nach dem heiligen Gral im England des Jahres 932 n. Chr.. Begleitet wird er auf der abenteuerlichen Reise von den Rittern der Tafelrunde, die er erst einmal finden muss, allen voran Ritter Lanzelot und seinen getreuen Diener Patsy. Ein heiteres Unterfangen mit dem bekannt schrägen Humor der Engländer. www.spamalot.de | Das Lachen im Saal ebbt auch dann nicht ab, als sich Lanzelot während einer Samba- Tanzeinlage als schwuler Ritter outet. Dem lauten Gelächter zufolge, muss die Tanzeinlage ungemein spaßig sein. So richtig kann ich der Heiterkeit aber erst folgen, nachdem mir meine Begleiterin wortreich beschreibt, wie Lanzelot in einer knallengen Glitzerhose einem Pfau gleich über die Bühne stöckelte. Dann wird es auf einmal ganz still. Ist die Vorstellung abrupt beendet worden? Nein, viel schlimmer! Das Publikum wird einbezogen. Und das ist für einen deutschen Theaterbesucher normalerweise der Horror. Eine andere Besucherin, unter deren Stuhl – wie ich erfahre – die Suche nach dem Heiligen Gral endet, ist – ehe sie sich versieht – auf der Bühne. Schüchtern nennt sie ihren Namen, das Publikum hilft ihr mit heftigem Applaus über die Angst hinweg. „Always look on the bright side of life“, der Klassiker der Monty Python-Truppe beendet den rauschenden Musical-Abend, und alle im Auditorium stimmen mit Inbrunst ein. Es war ein toller Abend, und auch wenn ich den glitzerbunten Lanzelot bei seinem Sambaauftritt gern gesehen hätte, kann ich mit Überzeugung sagen: Ich habe nichts verpasst. |