| 28. August 2009, 01:00 Uhr | Interview Schulministerin BARBARA SOMMER |
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»Es gibt Tage, die sind ganz grau«
Es gibt nur wenige Minister in der Landesregierung, die ständig so unter Beobachtung und im Kreuzfeuer der Kritik stehen, wie Barbara Sommer. Wem die Menschen ihre Kinder anvertrauen, den beäugen sie besonders misstrauisch. Eine Gespräch mit Barbara Sommer.
In den vergangenen Wochen haben Tausende Schüler auch in NRW für eine bessere Bildungspolitik demonstriert. Haben die mit ihren Forderungen recht?
Beim Regierungswechsel 2005 haben wir ein Bildungssystem vorgefunden, das nicht mehr zeitgemäß und sozial ungerecht war. Deshalb waren grundlegende Veränderungen notwendig. Ich weiß, dass wir Schülern und Lehrern durch diese Vielzahl an Veränderungen Einiges zugemutet haben. Aber Maßnahmen wie die Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium oder die Einführung des Zentralabiturs waren notwendig, um der jungen Generation die Zukunftschancen bieten zu können, die sie verdienen. Ich bin mir sicher, dass sich die Erfolge bereits in wenigen Jahren deutlich zeigen werden.
Der Landtag hat gerade ein neues Gesetz zur Lehrerausbildung beschlossen. Waren die Lehrerinnen und Lehrer in NRW nicht mehr auf der Höhe der Zeit?
In den vergangenen Jahren haben wir an unseren Schulen viel verändert. So haben wir zum Beispiel im Schulgesetz das Recht auf individuelle Förderung eingeführt. Da war es wichtig, die neuen Anforderungen auch in der Lehrerausbildung festzuschreiben. Mir ist es außerdem wichtig, dass die angehenden Lehrkräfte schon früh einen Praxisbezug erhalten. Deshalb haben wir im Gesetz festgelegt, dass schon vor Aufnahme des Studiums eine Eignungsfeststellung
durchgeführt wird. Damit verhindern wir, dass jemand Lehrer wird, ohne auch nur einmal erfahren zu haben, ob er für den Beruf überhaupt geeignet ist.
Sie sind ja selbst gelernte Pädagogin, haben an verschiedenen Schulen unterrichtet. Mal ganz grundsätzlich gefragt: Was muss die Schule heutzutage leisten? Was müssen Schüler gelernt haben, wenn sie ihre Schule verlassen?
Die Schüler müssen heute anderes lernen als früher. Das ist eine Tatsache. Hinzu kommt, dass man gerade auch im Grundschulbereich viele Dinge nicht mehr voraussetzen kann, die früher selbstverständlich waren. Und das Ende der Schulzeit bedeutet für die jungen Menschen nicht mehr, „ausgelernt zu haben“, wie es früher häufig hieß. Jeder muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen, auf diese stetig neuen Herausforderungen wollen wir unsere Schülerinnen und Schüler vorbereiten. Deswegen müssen die Jugendlichen vor allem die Techniken draufhaben, selbstständig zu lernen. Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, es ist nicht möglich, den Kindern alles verfügbare Wissen in den Kopf einzupauken. Auch nicht in zwölf, 13 oder sonst wie vielen Jahren. Aber zu sagen, wie komme ich denn an Wissen heran? Gibt es gewisse Lerntechniken, die ich später nutzen kann? Wie strukturiere ich zum Beispiel einen Text – das sind oft einfache Dinge, die für das spätere Leben wichtig sind. Und es geht außerdem darum, die Stärken eines jungen Menschen während der Schulzeit zu erkennen. Übrigens auch ein Grund, warum die Diagnosekompetenzen der Lehrerrinnen und Lehrer verstärkt werden müssen. Und darum ist mir auch so wichtig, dass wir Schüler nicht nur als Menschen sehen, die z. B. naturwissenschaftliches Wissen anhäufen, sondern die auch eine Sozialkompetenz entwickeln. Sie sollen lernen, im Team zu arbeiten, auf Andere zuzugehen, ihr Wissen auch anderen Menschen vermitteln zu können.
Es gibt Stimmen, die auch andere Lerninhalte fordern. Aus der Wirtschaft hört man immer wieder, dass Schüler mehr Grundwissen über marktwirtschaftliche Zusammenhänge vermittelt bekommen sollten. Andere fordern Familie und Kindererziehung als Schulfach. Was halten Sie von solchen Überlegungen?
Das sind durchaus schlaue Gedanken. Auf der anderen Seite kann man nicht erwarten, dass die Schule alles leisten kann. Wir haben im Laufe der Jahre viel zu viele Dinge auf Lehrerschultern abgeladen. Und nun kann ich nicht kommen und den Kolleginnen und Kollegen sagen: Nun könntet Ihr ja auch noch ein bisschen Familientherapeut sein und ein bisschen Schulpsychologe. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich abzugrenzen. Das hat auch etwas mit Würdigung der Leistung eines Lehrers zu tun, wenn wir ihm oder ihr sagen: „Du machst einen guten Unterricht.“ Und nun gibt es Herausforderungen an die Schüler, die nicht unmittelbar in diesen Bereich Erziehung und Unterricht hinein fallen. Das heißt zum Beispiel: Wie vermittele ich wirklich authentisch Wirtschaft, um das Beispiel aufzunehmen. Das heißt, da muss ich mir Kompetenzen ins Haus holen.
Warum nicht tatsächlich den Handwerksmeister in der Schule – vorübergehend natürlich nur – warum nicht eine Kooperation mit dem Wirtschaftsbetrieb vor Ort? Diese Möglichkeiten haben wir für Schulen geschaffen.
Seit Jahrzehnten wird in NRW über Schulstrukturen gestritten. Durch die mageren Ergebnisse der PISA-Studie wurde das eher noch verstärkt. Kurz gefragt: Was spricht eigentlich dagegen, dass Schulkinder länger zusammen in einer Schule lernen?
Grundsätzlich dürfen wir uns neuen Erkenntnissen nicht verschließen. Es gibt aber keine eindeutigen wissenschaftlichen Beweise, die für eine längere Grundschulzeit sprechen. In der Forschung gibt es Stimmen für längeres gemeinsames Lernen ebenso wie für eine frühzeitige Aufteilung der Kinder entsprechend ihren Begabungen. Es gibt zum Beispiel Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass lernstarke, begabte Kinder benachteiligt werden, wenn sie nicht schon früh besonders gefördert werden. Eine Schulstrukturdebatte hilft deswegen nicht weiter. Wichtig ist vielmehr die Qualität des Unterrichts. Wenn mich Eltern auf eine mögliche Reform der Strukturen ansprechen, frage ich sie: Was ist Ihnen jetzt wichtig? Wie die Schule heißt und wie lange man mit wem in einer Klasse sitzt? Oder dass – unabhängig von der Schulform – Lehrer und Lehrerinnen da sind, die herausfinden, welche Stärken ihr Kind hat? Und dann entscheiden sie sich in fast allen Fällen für die zweite Variante.
Also, ich glaube, wir müssen uns erst einmal auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich noch mehr hoch qualifizierte Lehrer in die Schulen zu bringen und uns noch mehr auf die individuelle Förderung zu konzentrieren. Auf der Basis und mit den Erfahrungen kann man sich dann auf grundsätzliche Diskussionen einlassen.
Aber der grundsätzlichen Frage muss man sich schon stellen. Und die lautet: Kann man bei neunjährigen Schülern schon feststellen, was für Fähigkeiten und Begabungen sie haben, die sie für die weitere Schullaufbahn qualifizieren?
Diese Frage entscheidet ja nach Klasse 4 nicht über das zukünftige Leben. Die letzte Entscheidung für den Übergang in die Klasse 5, das ist richtig, hat die Schule. Aber die Lehrkräfte beraten sich von Anfang an. Eltern steuern ihre Sicht-weise bei, im Idealzustand von Klasse 1 an. Das heißt, ich als Vater oder Mutter bringe ein, was ich für die Zukunft meiner Kinder für das Beste halte. Und so entwickelt sich langsam eine Tendenz, wo die Stärken des Kindes am Besten zu fördern sind. Und da spielt es letztlich keine Rolle, ob das in Klasse 4 oder 5 oder 6 ist.
»98 Prozent der Entscheidungen fällen Eltern und Lehrer gemeinsam«
Im Gegenteil, ich habe auch an meinen eigenen Kindern erlebt, dass sie sich in Vorpubertät und Pubertät noch einmal deutlich verändert haben. In dieser Zeit eine Festlegung über die weitere Schullaufbahn zu treffen, halte ich für noch schwieriger. Im Übrigen haben wir die Erfahrung gemacht, dass ca. 98 Prozent aller Entscheidungen für den weiteren schulischen Weg eines Kindes einvernehmlich zwischen Lehrern und Eltern getroffen werden.
Versuchen wir es noch einmal von der anderen Seite, ohne Aspekte wie Begabung oder Ideologie. Der Geburten- und damit Schülerrückgang zwingt auch CDU-Bürgermeister in NRW über neue Strukturen und Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen nachzudenken. Ein Vorschlag, den ja auch die Landes-FDP aufgegriffen hat…
Wir haben ja im Schulgesetz für solche Fälle Möglichkeiten verankert. Ich glaube, dass gerade diese Modelle des Verknüpfens von Haupt- und Realschulen in einer Verbundschule gangbare Wege sind. Die Verbundschulen bieten attraktive pädagogische Möglichkeiten. Es wird gemeinsam unter einem Dach gelernt, jedoch begabungsgerecht in verschiedenen Bildungsgängen. Die Identität der jeweiligen Schulform bleibt erhalten. Die Durchlässigkeit ist in diesen Schulen besonders gut gegeben, da dafür kein Ortswechsel notwendig ist. Die Schülerinnen und Schüler behalten ihr gewohntes Lernumfeld, ihre bekannten Lehrerinnen und Lehrer und nicht zuletzt auch ihre Freunde. Unter diesen Bedingungen kann ein Wechsel in die für das Kind oder den Jugendlichen besser passende Schulform besonders gut gelingen.
Da, wo dieses Modell umgesetzt wurde, sind die lokalen Entscheidungsträger höchst zufrieden. Wir ermöglichen es den Städten und Gemeinden, ihre Schulen im Ort zu behalten. Ich weiß, welche große Bedeutung eine Schule für das Leben in einer Gemeinde hat. Schulen sind wichtige Zentren für das gesellschaftliche Leben des Ortes. Aber auch für die örtliche Wirtschaft ist der Erhalt von weiterführenden Schulen ein wichtiger Standortvorteil. Deswegen ist es unser Ziel, ein wohnortnahes und qualitativ hochwertiges Schulangebot zu erhalten.
Während Ihrer Amtszeit wurden die Plätze für Offene Ganztagsschulen massiv ausgeweitet. Das wurde allgemein begrüßt. Dennoch gibt es auch viel Kritik an der praktischen Handhabung….
Zu Beginn meiner Amtszeit wurde mir immer wieder von Eltern gesagt: Sie müssen gerade in der OGS mehr Qualität reinbringen. Man kann aber nur wirklich Qualität leisten, wenn man auch weiß, was man a) machen will und b) wer zur Verfügung steht. Deswegen ist die von einigen Eltern gewünschte Flexibilität nicht möglich.
Wenn ich jetzt sage, da ist ein Defizit am Vormittag, und das will ich auf ganz andere, vielleicht spielerische, Weise in einer kleinen Gruppe herausarbeiten, kann ich das nicht leisten, wenn gesagt wird: Heute bin ich aber nicht da, heute muss ich zu einem Geburtstag oder so etwas.
Ich glaube, dass man Beides nicht unter einen Hut bringen kann. Entweder will man konstante Qualität oder die flexible Lösung. Dann muss man aber auch in Kauf nehmen, dass die Qualität darunter ein Stück weit leidet.
Ein Thema, das viele Eltern nach den Amoktaten in Winnenden und St. Augustin beschäftigt, ist die Sicherheit. Müssen wir die Sicherheitsvorkehrungen an unseren Schulen ausbauen?
Mir ist wichtig, dass Eltern ihre Kinder unbesorgt zur Schule schicken können. Eines ist aber auch klar: Selbst mit den schärfsten Schutzmaßnahmen wird man solche Fälle niemals komplett verhindern können – weder in den Schulen noch sonst irgendwo in unserer Gesellschaft. Experten sprechen jedoch von Warnsignalen und Hilferufen, welche die Täter vorher aussenden. Wir müssen alle genau hinschauen und hinhören, ob ein Kind Anzeichen für ein Abdriften aussendet. Diese Kultur des Hinsehens ist ein wichtiger Beitrag, um Amoktaten bereits im Vorfeld zu verhindern.
Ich möchte aber nicht, dass unsere Schulen zu Hochsicherheitstrakten werden. Schulen müssen offene Orte bleiben. Wir wollen, dass sich unsere Kinder dort frei entfalten und entwickeln können. Amerikanische Verhältnisse möchte ich an unseren Schulen nicht. Wir müssen sorgfältig überlegen und prüfen, welche weiteren Maßnahmen wir ergreifen müssen, um unsere Schulen noch sicherer zu machen. Dazu habe ich einen Expertenrat einberufen, der noch vor den Sommerferien konkrete Vorschläge unterbreiten wird.
Bestärkt durch eine aktuelle Erklärung der Vereinten Nationen fordern Behindertenverbände auch in NRW die freie Schulwahl für behinderte Kinder – bis hin zur völligen Abschaffung der Förderschulen. Sie sind dagegen.
Weshalb eigentlich?
Das ist ein wenig auch eine ganz persönliche Sache. Meine erste Schule, an der ich gearbeitet habe, war eine Förderschule. Und die Eindrücke, die ich während meiner Arbeit dort gewonnen habe, beeinflussen mich natürlich bei der Beurteilung dieses Themas, denn ich weiß, wie wertvoll Förderschulen sein können.
Meine Überzeugung ist, dass mehr Integration in allgemeinen Schulen möglich ist. In dieser Zielsetzung unterstützt uns auch die UN-Konvention. Deutschland hat allerdings eine Tradition darin, Menschen mit Behinderungen eine gesellschaftliche Teilhabe und Zugang zu Bildung durch personalintensive Förderung in Förderschulen zu ermöglichen. Die Vielfalt der Organisationsformen und die Pluralität der Förderorte sind eine Bereicherung. Nicht alle Eltern wollen für ihre Kinder eine Förderung in allgemeinen Schulen und fachlich kann der Besuch einer Förderschule ebenfalls im Einzelfall sinnvoller sein – zum Beispiel, weil dort eine Förderung in kleineren Gruppen möglich ist.
Das Ziel ist, mehr Förderung in allgemeinen Schulen zu erreichen. Der Anteil der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, der ja ganz verschieden sein kann – von der geistigen Behinderung, über Lernbehinderungen bis zu Körperbehinderungen und Sinnesschädigungen etc. – ist seit Anfang der 90er Jahre von gut zwei Prozent auf mehr als zwölf Prozent gestiegen. Hier ist noch mehr Integration möglich und sinnvoll und auch von den Eltern gewünscht.
NRW geht deshalb in 20 Pilotregionen mit einem neuen Konzept neue Wege – mit Kompetenzzentren für sonderpädagogische Förderung, deren Ziel es ist, in Kooperation mit allgemeinen Schulen eine bessere wohnortnahe und präventive Förderung von Kindern zu ermöglichen.
An den Schulen in NRW hat sich seit 2005 viel verändert. Es gibt mehr Freiheiten, neue Lern-Schwerpunkte, aber auch viel Kritik. Wie sieht Ihre Bilanz aus? Stehen die Schulen im Land heute besser da als vor vier Jahren?
Wir haben unsere Schulen zukunftsfest gemacht und sie so ausgestattet, dass die Kinder und Jugendlichen optimal gefördert werden können. Beispielhaft möchte ich hier nur die rund 7.000 zu-sätzlichen Lehrerstellen nennen, die wir seit 2005 geschaffen haben. Damit redu-zieren wir den Unterrichtsausfall deutlich und ermöglichen eine bessere individuelle Förderung. Der einzelne Schüler steht heute stärker im Mittelpunkt, das ist entscheidend. Keiner darf verloren gehen. Als ich mein Amt übernommen habe, wurde gesagt: Was will die denn? Die kommt doch selbst aus der Schule und müsste wissen, dass individuelle Förderung pädagogisch gar nicht machbar ist. Inzwischen ist es umgekehrt. Da werden Schulen gefragt: „Was? Ihr habt das Gütesiegel für individuelle Förderung noch nicht? Wo seid ihr denn?“ Und den Einzelnen in den Blick zu nehmen, das rührt mich fast zu Tränen. Das ist eine schwere Aufgabe, an der man manchmal verzweifeln könnte, aber jedes Kind soll erfahren, dass es wichtig ist, dass es Stärken hat, und dass diese auch erkannt werden.
Zum Abschluss eine persönliche Frage: Sie sind eine Quereinsteigerin, die ohne klassische Parteikarriere plötzlich zur Ministerin berufen wurden. Und weil sie im politischen Betrieb keine Erfahrung hatten, wurden sie häufig massiv kritisiert. Gab es auch Momente, in denen Sie bereut haben, die Aufgabe der NRW-Schulministerin übernommen zu haben?
Ja, die gab es. Es gibt Tage, die ganz grau sind. Und die sind deswegen ganz grau, weil man menschliche Enttäuschungen erlebt. Das hätte ich vorher nicht so erwartet. Und das ist dann schon schwer an so einem Tag. Aber am nächsten Morgen steht man wieder auf und macht seine Arbeit, weil man sich sagt: Ich tue es für die Kinder.
Und wenn dadurch – und daran glaube ich fest – Kinder in Nordrhein-Westfalen mit unseren Schulen und unseren Lehrerinnen und Lehrern glücklicher werden, dass ihnen die Zukunft offen steht, dann ist das der tollste Job, den man sich wünschen kann.
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