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im Mai 2009 PDF Drucken E-Mail

Wir müssen mehr miteinander reden

Klaus KelleLiebe Leserinnen und Leser,

haben Sie den Obama gesehen, letztens in Straßburg beim sogenannten „Townhall-Meeting“ mit mehr als 3000 Jugendlichen aus Frankreich und Deutschland?
Townhall-Meeting, also ein Treffen im Haus der Bürger, das ist etwas Faszinierendes, erfunden schon vor langer Zeit an der amerikanischen Ostküste.
Nun war das, was der US-Präsident in Straßburg vor den Fernsehkameras der Welt professionell zelebrierte, eher nicht die ursprüngliche Form des Frage-und-Antwort-Spiels zwischen Bürgern und ihren gewählten Repräsentanten, wie es sich die Erfinder einst ausgedacht hatten. Ein Townhall-Meeting, das ist eine sehr reine und direkte Art des Gesprächs zwischen Regierenden und Regierten. 200 Bürger in der Rathaus-Halle, im Halbkreis um einen Gast platziert, z. B. den Bürgermeister, einen Abgeordneten oder eine Ministerin. Mehr nicht. Ohne Schnickschnack, bunte Werbefilmchen, Moderator, Grußworte der Parteivertreter. Man fragt seinen gewählten Repräsentanten, und der oder die antwortet direkt. Das ist eine spannende Angelegenheit für beide Seiten. Und die hat natürlich Regeln: keine politischen Co-Referate, keine persönlichen Beschimpfungen und keine Nachfragen.

Unsere Gesellschaft krankt daran, dass es keine echte Kultur des demokratischen Wettstreits gibt. Wir reden nicht genug miteinander, und wir machen uns zu wenig Gedanken über unsere Gesellschaft, unseren Staat und die Zukunft. Auch die Politik – unsere Parteien sollen ja als tragende Säule der parlamentarischen Demokratie zur politischen Willensbildung beitragen – leistet in dieser Hinsicht viel zu wenig. Sprechen über die Themen, die wichtig sind. Reden mit den Leuten, für die man Verantwortung trägt – das braucht eine lebendige Demokratie. Wenn das nicht stattfindet, lässt das Interesse der Menschen „am System“ nach, werden die gewählten Repräsentanten mit Verachtung betrachtet, flüchten sich immer mehr Bürger in die Wahlverweigerung.

Vor längerer Zeit sprach mich ein angehender Berufspolitiker an und fragte, ob ich nicht mal einen kleinen Artikel über ihn in die Zeitung bringen könne. Was denn seine Ziele und Überzeugungen seien, wollte ich wissen. Er sagte, er habe am kommenden Samstag zu einem „politischen Stammtisch für Jugendliche“ in ein Gasthaus eingeladen und werde ein Fass Bier ausgeben. Als ich ihn erneut bat, mir doch zu sagen, weshalb er sich überhaupt für ein politisches Mandat bewerbe, schaute er mich irritiert an. Ich hatte das Gefühl, er verstand überhaupt nicht, was ich meinte.

Miteinander reden, in guten und in schlechten Zeiten, das ist nicht nur wichtig für eine glückliche Ehe, sondern auch für eine funktionierende Gesellschaft. Vereinzelt gibt es in jüngster Zeit auch in nordrhein-westfälischen Städten eine neue Veranstaltungsform, die ich spannend finde. Jemand – eine Person, ein Verband, ein Unternehmen – lädt werktags zu einem Mittagessen ein, vielleicht 20 oder 30 Personen, und dazu einen interessanten Gast: vielleicht einen Unternehmer, eine Professorin oder einen Politiker. Und es gibt ein Thema. Bei Suppe und Salat trägt der Gast dazu vor, beim Hauptgang diskutieren die Teilnehmer mit dem Gast und untereinander, beim Kaffee verabschiedet man sich und geht nach eineinhalb Stunden zurück an den Arbeitsplatz – immer um einen Erkenntnisgewinn reicher. Ein Beispiel nur, natürlich. Was ich sagen will: Unser Land und unsere Gesellschaft werden auf Dauer nur funktionieren, wenn wir uns miteinander beschäftigen. Bürger, die sich beteiligen und mitreden, garantieren, dass Politiker Substanzielles beitragen müssen. Und Politiker, die sich dort tummeln, wo auch ihre Wähler sind, legen damit den Grundstein für ihre Wiederwahl.

So funktioniert das in einer demokratischen Gesellschaft, denke ich.